Barfuß über 42,195 Kilometer: Marathonläufer Alex Kiesow

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 Autorin des Artikels: Ulrike Parthen
Titelfoto: Alex Kiesow

Von Haus aus ist Alex Musiker und ein bisschen verrückt. Also nicht schlimm verrückt, sondern liebenswert aus der Masse stechend. Musik macht ihm Spaß, aber die Branche ist ganz schön hart. Nebenbei ist er vom Läufervirus infiziert. Ein Marathon bringt seine Augen zum Leuchten, daher läuft er regelmäßig, und das seit langer Zeit.

Viele Jahre und Marathons später: kleiner Beschwerde-Aufschrei seiner Gelenke. Und da Schmerzen und Marathon nicht recht zusammenpassen wollen, muss eine Lösung her. Spezielle Einlegesohlen sollen es richten. Das tun sie kurzzeitig, aber nie wirklich zufrieden stellend und das Theater geht von vorne los. Deswegen mit dem Laufen aufhören? Niemals!

Eines Tages kommt er auf eine super Idee, die in der Konsequenz ganz schön Mut braucht. Er ahnt nicht, dass sich damit sein komplettes Leben zum Positiven verändern wird.

 

100,1 Kilogramm?! Der Schreck am Morgen an einem verregneten Tag im Mai 1998.

Alex schaut entsetzt auf die Zahl der Waage. Wie viel? Ne, das kann unmöglich wahr sein. Ich habe noch nie 100 Kilogramm gewogen. Ein Spiegel als optisches Prüfmittel muss her, also marschiert er schnell ins Schlafzimmer. Dort stellt er sich, nur in dunkelblauer Boxerpants bekleidet, vor den Ganzkörperspiegel seines Kleiderschranks.

Stille! Dann Stirnrunzeln, danach ein vorsichtiger Griff in die Zone des Grauens: Alles im Umkreis von Hosengummi bis zum ersten Rippenbogen macht ihn nachdenklich. „Warum ist mir das in den letzten Wochen gar nicht aufgefallen?“, fragt er sich als Erstes. Zweite Frage: „Wie kriege ich den Speck wieder weg?“ und die Feststellung: „Vielleicht hätte ich doch nicht mit dem Rauchen aufhören sollen.“

Also fängt Alex zu laufen an. Sport soll bei Problemen mit den Problemzonen ja immer helfen.

Der erste Laufversuch endet mit deutlicher Atemnot nach gerade mal 200 Metern. Ein paar Monate später begegnet man Alex im Wald schon sehr viel beschwingter. Gute fünf Kilometer „joggend“, frei von jeglicher Schnappatmung, sind jetzt kein Ding mehr für ihn. Die Zone des Grauens denkt sich „Mist, dieses ständige Laufen ist mir zu stressig“, und macht sich leise aus dem Staub. So langsam kann sich Alex im Spiegel wieder angucken und ist zufrieden. Damit das auch so bleibt, meldet er sich vorsichtshalber schon mal zum Marathon in Karlsruhe an. Sicher ist sicher. Nicht, dass er vielleicht doch auf die Idee kommen sollte, sein Training wieder schleifen zu lassen. Der innere Schweinehund lässt grüßen, den auch Alex kennt – für den er jedoch, wie man sieht, gleich die passenden Tricks parat hat.

Das Problem: Zum Zeitpunkt der Anmeldung liegen zwischen Alex‘ Kondition und einer Marathondistanz noch Welten. In anderen Worten ausgedrückt bedeutet das: Er fühlt sich in etwa so weit davon entfernt wie Timbuktu von Wanne-Eickel. Seine Frau sagt erst mal nichts zu seiner fixen Marathon-Idee. Sie ist ja einiges an unorthodoxen Gegebenheiten von ihm gewohnt, allein schon seines Berufes wegen. Alex ist Musiker. Da kommt dein Ehemann nicht punkt fünf Uhr von der Arbeit und sitzt danach neben dir gemütlich auf dem Sofa. Und die Wochenenden kannst du meistens ganz knicken, da er ständig irgendwo auf dieser schönen Welt Auftritte hat.

Jedenfalls bleiben Alex nach offizieller Anmeldung noch genau 300 Tage Zeit zu trainieren. Der Countdown läuft und Alex läuft auch, so oft es sein unstetes Musikerleben eben zulässt.

September 2000, Aufregung macht sich breit

Alex startet Richtung Karlsruhe zum Baden-Marathon. Und dann steht er da, inmitten von ca. 7.000 anderen Läuferinnen und Läufern am Startpunkt und wartet, bis es endlich losgeht. Das kann man sich so vorstellen: Ein paar tausend Menschen um dich herum, alle in derselben Vorfreude mit Adrenalin bis zum Anschlag. Das schwappt von einem zum anderen über, es liegt quasi in der Luft. Du mittendrin in diesem Sog mit einer Emotionslage, die restlos high macht. Nicht nur ein paar Minuten, sondern auch während der vier Stunden, wenn du auf Strecke bist – und kurz danach sowieso.

In deinem Kopf ist nur noch pure Zufriedenheit: kein gedanklicher Alltagskram, keine Sorgen, kein Überlegen „Was muss ich morgen erledigen“. Du schwebst über den Asphalt, ganz im jetzigen Moment, und bist dir dabei so nah wie nie. Herrlich! „Könnte ich mich dran gewöhnen“, denkt sich Alex, als er stolz die Ziellinie überquert. Doch damit tun sich erst mal ungeahnte neue Problem auf …

Alex‘ Knie haben keine Lust auf ständiges Laufen, daher schmerzen sie wie verrückt. Was tun?

Ein Orthopäde weiß Rat. „Tragen Sie diese speziellen Einlegesohlen hier beim Sport!“ Okay, wenn es sonst nichts ist. Da ahnt Alex noch nicht, dass er diese verdammten Sohlen doch gar nicht braucht, weil es barfuß viel besser geht. Bis zu dieser Erkenntnis müssen noch viele Jahre sowie Marathons ins Land ziehen und dann wäre da ja auch noch dieses Hirngespinst von ihm. Das bringt ihn zunächst sowieso komplett vom Weg ab. Aber der Reihe nach.

Die Einlegesohlen und Alex wuppen den nächsten sportlichen Meilenstein: seinen ersten 100-Kilometer-Lauf. Wow, wie krass ist das denn, das Feeling unbeschreiblich und der Plan somit geschmiedet, dass das jetzt die Feuertaufe zum Einstieg in die Ultraszene sein soll. Dort tummeln sich alle die Läufer, denen ein simpler Marathon viel zu lasch und langweilig ist. Die Herausforderung muss größer sein, längere Strecken, teils 24 Stunden nonstop oder sogar hoch droben im Gebirge. Ein neues Klavier setzt diese Pläne erst mal außer Kraft und bedingt spontan neue.

 

Auf musikalischen Abwegen

Das neue Klavier ist so gesehen gar nicht neu, sondern uralt und ein Erbstück. Der Einzug des neuen Mitbewohners findet daher recht unverhofft wie ungeplant statt, dafür mit umso mehr Konsequenz seitens Alex. Denn es bringt den Musiker auf die euphorische Idee, seine Musikerkarriere in andere Bahnen zu lenken. Dafür legt er seine Laufambitionen spontan ad acta. Er hat nun keine Zeit mehr für Ultra-Marathons und Lauftraining, er muss Klavierspielen üben – ganz zum Leidwesen seiner Familie, die von da an sehr viel Geklimper über sich ergehen lassen muss.

Sagen wir so: Irgendwann kommt erfreulicherweise der Tag (für seine Familie!), an dem es recht ansehnlich klingt, was Alex auf dem Tasteninstrument hervorbringt. Allerdings muss er einsehen, dass aus einem Mittvierziger wie ihm kein Klaviervirtuose mehr werden kann. Die Idee der andersartigen Musikerkarriere hat sich damit erledigt. Das bringt alte Tatsachen erneut auf den Plan, wie ein Blick auf die Zone des Grauens verrät.

Oh je! Diese Problemzone hat sich klammheimlich wieder an Ort und Stelle breit gemacht.

Kein Wunder, da Alex die letzten 5 1/2 Jahre nur noch vor dem Klavier saß, anstatt seine Joggingschuhe Gassi zu führen. Einige Zeit später, zack, auch noch ein Leistenbruch, von dem er sich nur schleppend erholt. Und überhaupt findet Alex, dass er grundsätzlich schon in einem besseren Allgemeinzustand war. Die Sportfreunde unter seinen Gehirnzellen erinnern sich augenblicklich an die wunderbare Zeit:

„Weißt du noch Alex? Damals … da warst du schlank, extrem fit, extrem happy und so gelassen. Das könnten wir alles wiederhaben.“

Da muss Alex nicht lange überzeugt werden. In der nächsten Sekunde überkommt ihn die vom Klaviergeklimper verscheuchte Lust am Laufen. Bleibt die Frage: Wie mache ich das jetzt mit den Sohlen? Die müssten erst neu vermessen und angepasst werden. Seit dem letzten Lauftraining sind inzwischen ein paar Jährchen ins Land gezogen und diese ganze Sohlengeschichte geht ihm gehörig gegen den Strich. Abhängig zu sein von ein paar dusseligen Sohlen als Hilfsmittel, damit er laufen kann? Wie unlogisch und lästig. Ergo läuft er zunächst mit den alten Dingern und recherchiert für eine bessere Lösung parallel im Netz.

 

Der „Läufer“-Lösung ganz nah

Immer mehr Läufer berichten in einem Forum, dass sie von der ganzen Hightech-Maschinerie weggekommen sind und super Erfahrungen gemacht haben. Weniger ist mehr, so das einhellige Resümee. Je minimalistischer die Schuhe (back to the roots), desto weniger körperliche Probleme tauchen auf. Das gibt ihm schwer zu denken mit dem abschließenden Aha-Effekt: „Na klar! Der Fuß hat eine natürliche Aufgabe, und die kann er mit Schuhen ja nicht mehr erfüllen.“ Bingo!

„Warum dann also nicht gleich barfuß laufen“, so sein Gedanke.

Sein Entschluss steht damit: Ich trage zum Sport keine Einlegesohlen mehr und auch keine Schuhe. Er hat den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da zieht er sich bereits seine Sportklamotten an und seine Socken wiederum aus. Dabei blickt er seine Fußsohlen etwas genauer. Ui, so eine feine Haut dort. Ob die das wohl aushalten? So ganz traut er der Sache nicht. Vielleicht beim ersten Test doch lieber die Läufersocken anbehalten? Okay, mach ich!

Ein witziges Bild, das Alex an diesem denkwürdigen Vormittag im Frühjahr 2015 in einem Waldgebiet Mutterstadts abgibt!

Stell dir vor, du gehst dort als Fußgänger gemütlich spazieren. Plötzlich huscht von hinten ein Mann heran, der auf so leisen Sohlen (haha) daherkommt, dass du ihn überhaupt nicht hörst. Die Menschen bekommen fast einen Herzinfarkt vor Schreck, als Alex sie wie aus dem Nichts überholt. Dann erst sehen sie, wer da eben an ihnen vorbeigerannt ist: ein langhaariger Mann mit Socken. Dass keiner der Fußgänger die Polizei gerufen hat, ist ein Wunder. Plan B muss her, der wie folgt aussieht:

Sobald er sich Fußgängern nähert, hüstelt er dezent, mit einer ähnlichen Wirkung wie eine Fahrradklingel. Klappt prima! Das typische „Ach Gott, guck mal da“-Tuscheln kann er damit zwar nicht abwenden, als die Leute den sockigen Sportler erblicken. Das juckt den Alex recht wenig, er ist total im Glück. Das Barfuß- bzw. Sockenlaufen klappt wunderbar, sogar viel besser als gedacht – keine Schmerzen, hurra. Als wüssten seine Füße sofort, wie es geht, obwohl sie nun Jahrzehnte in diesen Schuhen eingezwängt waren.

Daher wird er ein bissel übermütig und läuft bei diesem ersten Test gleich volle 10 Kilometer durch. Im Nachhinein fragt er sich, wie seine Wadenmuskeln das überlebt haben, die diesen neuen Bewegungsablauf so ja nicht kennen. Noch übermütiger ist sein Vorhaben, bereits 4 Monate später seinen ersten Barfuß-Marathon zu laufen. Und sowieso: Warum sollte ich nur beim Laufen die Schuhe in die Ecke werfen? Ich trage ab sofort auch sonst keine mehr!

 

Übermut tut selten gut

Erprobte Natural Runner prophezeien ihm schon jetzt: „Alex, Alex, das kann nicht gut gehen, mach langsam.“ Papperlapapp denkt er sich, den das Barfußlaufen augenblicklich in andere Sphären katapultiert – körperlich und seelisch. Es ging ihm nie so gut, warum sollte er also langsam machen? Volles Karacho voraus! Beim zweiten Mal verzichtet er schon auf seine Socken und lässt seine nackenden Füße es alleine richten.

Für seinen ersten „Unten ohne“-Marathon legt er sich dennoch ein Paar Huaraches zu. Das sind eine Art Läufersandalen mit ganz wenig Material drum herum. Sein Kompromiss lautet: Okay, dann lauf ich halt 50 % mit Huaraches und 50 % barfuß.

Und wieder steht er in Karlsruhe beim Baden-Marathon, 15 Jahre nach seinem Marathon-Debüt. An den Füßen: Erst mal nix außer Alex‘ blanke Füße. Andere Läufer gucken höchst interessiert, denn damit ist Alex ein echter Exot. Innendrin indes spielen die Emotionen bei ihm fast verrückt und es ist nicht anders zu formulieren als so: Was für ein geiles Feeling! Der Marathon läuft fantastischer denn je, völlig schmerzfrei und sehr viel mehr high als sonst. Daher hängt Alex in den nächsten 5 Wochen gleich weitere 4 Marathons mit dran.

„Äh, Freundchen, mach mal piano!“, findet inzwischen auch seine Wade – ganz so, wie ihn Natural Running-Experten schon warnten. Alex will davon nichts wissen, weil sich alles so unfassbar gut anfühlt. „Na dann müssen wir ihn wohl mit einem kleinen Muskelfaserriss stoppen“, beschließt seine Wade und legt den Alex erst mal lahm. Gut so, denn nun hat er wieder Zeit zum Nachdenken. Wichtige Voraussetzung, wenn eine Erleuchtung über ihn kommen soll, die sein ganzes Leben verändern wird.

 

Natural Running bedeutet was genau?

Barfuß wie ein Irrer durch die Steppe zu rasen? Ganz sicher nicht! Da erst merkt Alex, dass es um viel mehr geht: um die Lebenseinstellung, um Persönlichkeitsentwicklung und darum, eine Menge zu hinterfragen, Einstellungen zu verändern usw. Alex lässt sich auf diese spannende Reise ein und ändert nach Ausheilen seines Muskelfaserrisses die Taktik. Schön langsam, mit anderen Gedanken und einer anderen Haltung. Wie sehr sich dadurch für ihn etwas verändert, merkt er unter anderem auch daran, wenn er in Supermarkt ist. Er steht an der Kasse, barfuß, draußen minus drei Grad. Hinter ihm eine Mutti mit ihrem quirligen Sohn.

Sohnemann: „Mama, warum hat der Mann keine Schuhe an?“
Mutti: „Weil es total gesund ist?“
Sohnemann: Okay, darf ich meine Schuhe dann auch ausziehen?“

Schockstarre bei Frau Mutti und schnelles Themenwechseln. Ähnlich hilflose Reaktionen bei Läufen, wenn er an den Verpflegungsstationen vorbeikommt:

Verpflegungshelfer: „Laufen Sie barfuß?“ Eine nette Frage, auf die Alex wirklich nicht weiß, was er da noch logisch antworten soll: „Nein, ich habe heute mein Barfuß-Adamskostüm an?“ Und so setzt sich der sinngebende innere Prozess täglich fort, der bis heute anhält.

Dann kommt der große Tag, endlich!

Alex‘ Fußsohlen und Muskeln sind zu 100 % so weit – also stark genug, um den ersten Marathon ohne Huaraches als Teiletappen-Unterstützung hinzukriegen. Da Alex ein rundum außergewöhnlicher Mensch ist, hat er sich für diesen großen Moment keinen herkömmlichen Marathon ausgesucht. Nö! Wenn schon, dann richtig nackend von oben bis unten.

Freiheit pur für ihn oder wie er das selbst ausdrückt „das Krönchen der Ursprünglichkeit fühlen“. Er ist sehr stolz auf seine Füße und auch auf sich selbst. Denn er hat sich und der Welt Wichtiges bewiesen: Die Gesellschaft hält etwas für wahrhaftig und er zeigt, dass es auch anders geht – durch bewussten Verzicht! Für ihn bedeutet das ein neues Lebensgefühl, Fitness und Gesundheit. Begleitet durch ein Glücksgefühl, das ihn nonstop ausfüllt. Deswegen läuft er inzwischen fast jede Woche einen Marathon. Damit fühlt er sich nun völlig angekommen im Leben.

Auf seiner Facebook-Seite schreibt er über seine Natural-Running-Erlebnisse. Stöber gern mal rein.