Body shaming: Die Figur als Problem, wo gar kein Problem ist

Autorin des Artikels: Ulrike Parthen
Uli schreibt auch deine Geschichte ulrikeparthen.de
Titelfoto: Rüdiger Lutz

Eine banale Situation: Du triffst irgendjemand, den du einen Tag oder vielleicht auch ein Jahr nicht mehr gesehen hast. Die übliche Begrüßung: „Hey hallo, wie geht’s?“ Anders bei Ari und mir. Zuerst: musternder Blick – von oben bis unten. Entsetzen im Gesichtsausdruck, dann die Frage (noch vor dem ersten Hallo): „Hast du schon wieder abgenommen?“

Was wir darauf antworten, warum wir außerdem als „Schwangeren-Phänomen“ in die Geschichte eingegangen sind und man bei uns für Röntgenaufnahmen keine teuren Geräte mehr braucht, sondern nur noch eine Taschenlampe – du erfährst es nachfolgend …

 

Ich komme zum Arzt. Er guckt mich von oben herab an:

„Sie wissen aber schon, dass Sie Untergewicht haben?“ Bei der Feststellung komme ich mir vor wie eine Patientin kurz vor dem Hungertod. Gerade ich Kohlenhydrat-Junkie und immer auf der Suche nach Kalorien. Und schon geht die Diskussion los, bei der ich grundsätzlich den Kürzeren ziehe. Ich muss mich rechtfertigen, hundertmal erklären, was genau ich esse und wann.

Aris Arzt-Erlebnisse gleichen den meinen auf lustige Weise – als habe man sich abgesprochen. Mit dem Unterschied, dass sie sehr viel selbstbewusster damit umgeht und Fragen dieser Art einfach ignoriert. Rechtfertigen? Fällt ihr gar nicht ein! Auch nicht, als ein Facharzt die unverschämte Bemerkung macht: „Sie kann man ja mit der Taschenlampe röntgen“, und dabei lauthals lacht.

Ein anderer will ihr eines Tages erklären, dass „das“ so nicht geht. Die nachfolgende Info ist für die Pointe jetzt wichtig: Er ist selbst gertenschlank, kein Gramm Fett auf den Rippen, und meint: „Frau Ari, Sie müssen zunehmen, denn sie brauchen unbedingt Reserven, wenn Sie mal krank werden.“ Mister Doktor, kleine Randbemerkung meinerseits: Seit Jahrzehnten geht nahezu jede Grippewelle völlig spurlos an Ari vorbei. Sie erwischt es selten und wenn, ist sie zäher als zwei Dutzend kanadischer Holzfäller zusammen.

 

Weiter geht’s im „Figurproblem“-Lebenslauf, nun wieder mit dem meinen

Ich treffe eine Bekannte. Ein paar Jahre nicht gesehen: „Hast du schon wieder abgenommen?“ Aaarrrgh, warum bloß und warum „schon wieder?“ Seit ich zurückdenken kann, wiege ich exakt dasselbe. Ich verteidige mich erneut bis aufs Blut und schwöre unter Eid: Nein, kein einziges Gramm. So geht das fortwährend. Millionen Male dieselbe Frage. Bin ich mit Größe 34 ein Exot? Damit stecke ich längst drin im Problem des „Body shaming“.

©Rüdiger Lutz

Irgendwann werde ich schwanger. Juhu, endlich zunehmen und mich dann nie wieder für meine schlanke Figur verteidigen müssen. Nach der Geburt bleiben sicher ein paar Kilos an mir kleben. Ist ja bei allen Frauen so (außer bei Exoten). Ich starte mit 49 Kilo in die Schwangerschaft und marschiere neun Monate später mit 57 Kilo in den Kreissaal. Mist! So wird das wohl nix. Kindchen kerngesund, bringt runde 3 Kilo auf die Waage. Laut Hebamme wäre ich eine Art Phänomen. Ich verlasse die Klinik rank und schlank.

Ari toppt dieses Geschehen, denn in ihrem Bauch wachsen Zwillingsmädchen heran (23 kg mehr!). Ihre Schwangerschaft verläuft nicht gerade einfach und die Kaiserschnitt-OP endet in einem kleinen Drama – glücklicherweise mit Happyend. Jedenfalls verlässt sie die Klinik als frisch gebackene Zwillings-Mama in ihrem gewohnten 34-er Jeans-Overall und hinterlässt damit fassungsloses Staunen.

Damit sind wir dann wohl beide weibliche Wunderwesen, auch wenn sich das durch die ständigen Diskussionen um unsere Figur nicht immer wundervoll anfühlt.

Die Fragerei geht Tag für Tag, Jahr für Jahr immer weiter als eine Art Dauerschleife. Führt dazu, dass ich mir irgendwann einrede, ein Figurproblem zu haben. Und so verfalle ich in das „Figur mit allen Mitteln versteck-Syndrom“ (müssen da nicht überall Bindestriche dazwischen?) – ich will auf Teufel komm raus diese furchtbare Tatsache kaschieren. Und ob ich will oder nicht, ich nehme halt nicht zu.  Selbst meine Nuss-Nougat-Aufstrich-Phase vor 15 Jahren konnte daran nichts ändern. Zwei Gläser pro Woche, „nebenbei“ mal kurz nieder gelöffelt. Außer einem Magen-Darmproblem sind keine weiteren Auswirkungen zu erkennen gewesen.

Bei Ari kommt hinzu, dass sie Mengen vertilgen kann, die locker für eine Großfamilie reichen würden – gemüsetechnisch gesehen. Sie kann mächtig „reinhauen“, wenn es ihr schmeckt (und ganz sicher immer, wenn es Brokkoli gibt!). Damit löst sie ungewollt aus, dass die Menschen sofort auf Beobachtungsposten gehen.

Anfänglich wird sie beobachtet, ob sie auch wirklich genug isst. Statt einem Stück Kuchen, kriegt sie automatisch zwei auf den Teller gelegt. Überhaupt macht man sich allseits Sorgen, dass ihr in der nächsten Sekunde die Klamotten vom Leibe fallen, und überreicht ihr von vorneherein die dreifache Menge. Wenn sie die Riesenportion dann, wie oben erwähnt, ohne mit der Wimper zu zucken verputzt, gehen die Anwesenden in Beobachtungsrunde No. 2 über. Was macht sie jetzt wohl? Bestimmt geht sie gleich auf die Toilette und steckt sich den Finger in den Hals. Schwupp, hat sie nebenbei auch noch eine Bulimie angedichtet bekommen.

Kleiner Zeitsprung. Termin bei meiner Frauenärztin „Sie sind ja noch dünner als letztes Mal!“ Neeeeeein, will ich laut schreien. Ich bin einfach nur schlank. Okay, vielleicht zierlich, aber nicht dünn und schon gar nicht dünner als letztes Mal. Kreisch!

©Rüdiger Lutz

Bevor Ari und ich völlig einen Hau wegkriegen, schickt uns das Schicksal tolle Partner und Freunde vorbei. Gerade noch rechtzeitig. Denn die sind entzückt und mächtig stolz. Unsere Freunde schauen eh nicht auf unser Äußeres. „Eine Frau um die 50, schlank, knackig, mit der Haut einer 30-Jährigen. Was für ein Geschenk“, hören wir dann liebe Worte aus unserem engen Umfeld. Und wenn wir dann so recht überlegen, haben sie ja so was von Recht.

Seitdem tragen wir unseren 34er-Popo stolz wie nie durch die Welt.

Und jeder, der uns noch einmal fragt, ob wir „schon wieder abgenommen haben“, kann uns den Buckel runterrutschen.

Ari brauchte dafür keinen Mann zur Bestätigung, denn sie ist dahingehend die selbstbewusstere von uns beiden. An ihr prallt das alles ab, ohne sie auch nur ansatzweise zu jucken. Nur einmal, da ist selbst sie perplex. Baut sich bei einem sommerlichen Stadtbummel (mit ihrem Begleiter an der Seite) unverhofft eine wildfremde Frau direkt vor ihr auf und brüllt sie hasserfüllt an: „Magersüchtig, oder was?“

Ari hätte der Dame liebend gerne nachfolgende Antwort gegeben. Nur leider ist die Frau dann auch schon ganz schnell verschwunden: „Ach wissen Sie, es hat schon was beim Sport, wenn dabei obenrum nix Störendes in der Gegend umherhüpft, das man bändigen müsste.“

©Rüdiger Lutz

Damit sind wir am Ende dieses Artikels der Figurproblem-Geschichten von Ari und mir angekommen, die sich doch erschreckend gleichen. Und nun sind wir gespannt, welche Erfahrungen du mit deinem äußeren Erscheinungsbild gemacht hast? Musstest auch du dir schon doofe Kommentare anhören?

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